Podiumsdiskussion

Bereits am ersten Tag sollte herausgearbeitet werden, welche Herausforderungen derzeit an den Standorten der Germanistik in der Ukraine bestehen und welche Möglichkeiten gemeinsam gesehen werden, diese zu bewältigen. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion sollte diskutiert werden, welche gemeinsamen Lösungen denkbar wären. Als Vertreterinnen aus der Ukraine waren die beiden derzeitigen VW-Stipendiatinnen Prof. Alla Paslavska, Vorsitzende des Ukrainischen Germanistenverbandes, und Prof. Liliia Bezulga, Mitorganisatorin des Symposiums, auf das Podium geladen. Aus Deutschland wurden Prof. Heike Roll und Prof. Claus Altmayer eingeladen, die bereits in deutsch-ukrainischen Projekten aktiv tätig geworden sind. So initiierte Prof. Heike Roll (Universität Duisburg-Essen) einen Antrag im DAAD-Programm “Ukraine digital” in Zusammenarbeit mit der Nationalen W.-N.-Karasin-Universität Charkiw. Prof. Claus Altmayer leitete die vielfach geförderte Partnerschaft des Herder-Instituts mit der Taras-Schewtschenko-Universität Kiev. Moderiert wurde das Gespräch von Julia Wolbergs, Mitorganisatorin des Symposiums und Erasmus+-Koordinatorin am Herder-Institut für die Kooperation mit der Taras-Schewtschenko-Universität. 

Die Diskussion wurde von einem Eingangsstatement von Prof. Paslwaska eröffnet, die noch einmal die aktuelle Situation der Ukraine und speziell der Germanistik skizzierte. Diskutiert wurden Fragen der Zusammenlegung der Lehrstühle und der prekären Arbeitssituation der Hochschulmitarbeiter:innen in der Ukraine und der in die deutschsprachigen Länder geflohenen Hochschulmitarbeiter:innen. Kritisch verhandelt wurde, wie berechtigte, aber auch konfligierende Interessen miteinander in Einklang gebracht werden können. So war es einerseits mehr als verständlich, wenn Forschende Stipendienmöglichkeiten nutzen, um im Ausland an ihren Themen weiterzuarbeiten. Andererseits fehlten diese Wissenschaftlicher:innen dann vor Ort in der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Prof. Altmayer betonte, dass es nicht sinnvoll sei, in der Ukraine hochqualifizierte Fachkräfte auszubilden, die dann von Deutschland wegen eines Mangel an Lehrkräften an Schulen wieder abgeworben werden. Prof. Bezugla plädierte daher dafür, dass möglichst auch wissenschaftliche Konferenzen in der Ukraine stattfinden sollten, um einen “brain drain” zu verhindern. 

Ebenso kontrovers wurde die Frage der Sprachenpolitik an Hochschulen geführt. So sei es ein Gebot der Stunde, so Prof. Paslavska, Ukrainisch als Wissenschaftssprache zu stärken und vorrangig in dieser Sprache zu publizieren. Es müsse aber, so Prof. Altmayer, weiter dem Gebot der Wissenschaftsfreiheit gefolgt werde und es müsse weiterhin möglich sein, russischsprachige Quellen zu rezipieren und in den Forschungsdiskurs aufzunehmen. Das Thema beschäftigte auch die Zuhörer:innen sehr und auch diese brachten sich in die Diskussion ein. Gleiches galt für den Aussage von Prof. Paslavska, die deutlich aussprach: “Unsere Ausbildung hat zum Krieg geführt – und das im 21. Jahrhundert. Irgendetwas haben wir falsch gemacht! Es muss sich etwas ändern!”

Welche Änderungen genau in den Blick genommen werden sollten, konnte abschließend nur ansatzweise diskutiert werden. So verwiesen beide deutschen Vertreter:innen auf eine Reduzierung bürokratischer Hürden und stärkere Annäherung der Hochschulsysteme in Bezug auf Curricula oder Fragen der Anerkennung international erbrachter Leistungen und Abschlüsse. Prof. Paslavska stimmte zu und formulierte, dass die Studierenden nach der Pandemie viel stärker gewöhnt seien, sich Lehrinhalte digital weltweit anzueignen – so “können sie sich eine Vorlesung von Chomsky online anhören, da müsse man mithalten können, um jetzt die Zukunft der Ukraine aufzubauen!”.

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